Ein missverstandenes Erfolgsmodell

Warum die Lehre trotz zahlreicher Erfolge immer noch an einem Imageproblem laboriert und wie man die Attraktivität des dualen Ausbildungssystems weiter steigern kann, erzählt BFI Wien-Geschäftsführerin Valerie Höllinger.

Lehrlinge_MotorDie ganze Welt beneidet Österreich um das duale Ausbildungssystem –  also die Paarung von praktischer Ausbildung im Unternehmen mit der Theorie in der Berufsschule. Einerseits sorgt es für eine niedrigere Jugendarbeitslosigkeit, wie Expertinnen und Experten betonen. Andererseits garantiert es die überdurchschnittlich gute Ausbildung zukünftiger Fachkräfte, wie die Ergebnisse österreichischer Lehrlinge bei den zahlreichen internationalen Wettkämpfen belegen: So erzielte das Team Austria bei den Berufsweltmeisterschaften „WorldSkills 2013“ nicht weniger als 11 Medaillen (5 Mal Gold, 2 Mal Silber, 4 Mal Bronze), sicherte sich 11 Leistungsdiplome „Medallion for Excellence“ und belegte damit unter den EU-Staaten Platz eins.

Derzeit entscheiden sich rund 40% der Mädchen und Burschen eines Jahrgangs – 2012 waren es 40.560 – nach dem Pflichtschulabschluss einen der insgesamt rund 250 Lehrberufe auszuüben. Im Schnitt waren letztes Jahr 121.280 Lehrverhältnisse aufrecht.

Ein Imageproblem? Zu unrecht!

Dennoch leidet die Lehre immer noch – zu Unrecht – an einem Imageproblem: So ist der Großteil der Lehrlinge zwar Umfragen zufolge mit dem erlernten Beruf zufrieden. Das geringe Ansehen in der Gesellschaft und vor allem die vermeintlich eingeschränkten Möglichkeiten, sich beruflich weiterzubilden, finden die jungen Fachkräfte aber alles andere als erfreulich. Es gilt also die Attraktivität für Lehrlinge wie Unternehmen zu steigern – schließlich ist auch die Zahl der Unternehmen die Lehrlinge ausbilden (2012: 13,3% der Betriebe) ausbaufähig.

Dabei liegen die Punkte, die für den Lehrberuf sprechen, auf der Hand: „Die Lehrlinge sind während der Ausbildung in ein gutes soziales Umfeld eingegliedert, sie lernen selbstständig zu denken, zu handeln und Entscheidungen zu treffen, übernehmen Verantwortung für sich und für andere und ihnen wird die Liebe zum Handwerk und die Freude an der Arbeit vermittelt – d.h. mit Begeisterung zu tun, was man gut kann“, erklärt Valerie Höllinger, Geschäftsführerin des BFI Wien. Mit der Leidenschaft kommt der Erfolg und mit dem Erfolg die Anerkennung. Unternehmen wiederum profitieren von gut ausgebildeten Facharbeiterinnen und Facharbeitern und haben die Nase im Kampf um die Top-Talente vorne.

Goodies, Erfahrungsaustausch und Barrierenabbau

Doch wie kann die Attraktivität der Lehre nun gesteigert werden? Ein erster Schritt ist es, die Durchlässigkeit zu höherer Bildung weiter zu verbessern und Perspektiven zu bieten. Die Möglichkeit, neben der Lehre auch die Matura zu machen, ist dafür etwa ein erster Schritt. Die Pluspunkte: die Unternehmen profitieren von besser qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die Jugendlichen erhöhen maßgeblich ihre Karrierechancen. Auch das Angebot von „Goodies“ abseits der Lehrlingsentschädigung – etwa das aktuellste Smartphone bei ausgezeichnetem Lernerfolg, spezielle Lehrlingswochenenden oder die Finanzierung des Führerscheins – sind probate Mittel um Jugendliche für die klassische Lehrausbildung zu gewinnen. „Mehr als mit Goodies zu locken, gilt es aber den jungen Menschen zu vermitteln, dass der Abschluss einer Lehre ein erster Schritt in Richtung gelungenes Leben ist“, so Höllinger. „Dabei geht es nicht in erster Linie um Karriere und fachliches Wissen – es geht vielmehr um Persönlichkeitsentwicklung und die Entdeckung der eigenen Talente und der eigenen Bedürfnisse. Wir verbringen so viel Lebenszeit in der Arbeit – da ist Glücklichsein ein entscheidender Faktor.“

Valerie Höllinger, Geschäftsführerin BFI Wien

Valerie Höllinger, Geschäftsführerin BFI Wien

„Ziel des Lehrlings-Crossmentorings ist es, zum einen die Bedeutung der Lehrlinge und der Lehrberufe hervorzuheben. Zum anderen soll den jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Weiterbildung angeboten werden, die die Lehrbetriebe selbst vielleicht nicht in diesem Ausmaß anbieten können. Der Schwerpunkt unseres Lehrlings-Crossmentorings ist die persönliche Entwicklung der Lehrlinge.“

Initiativen wie das Lehrlings-Crossmentoring des BFI Wien gehen genau in diese Richtung – bieten sie doch ein umfangreiches Zusatzpaket sowohl für Unternehmen wie Lehrlinge, die von überbetrieblichen und generationenübergreifendem Erfahrungsaustausch über Integrations- und Kommunikationstrainingsaktivitäten, bis hin zum Etikette-Kurs reichen. „Ziel des Lehrlings-Crossmentorings ist es, zum einen die Bedeutung der Lehrlinge und der Lehrberufe hervorzuheben. Zum anderen soll den jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Weiterbildung angeboten werden, die die Lehrbetriebe selbst vielleicht nicht in diesem Ausmaß anbieten können“, erklärt Höllinger. „Der Schwerpunkt unseres Lehrlings-Crossmentorings ist die persönliche Entwicklung der Lehrlinge“, so die BFI Wien-Geschäftsführerin weiter. „Aber auch die berufs- und lebenserfahrenen Führungskräfte, die sich als Mentorinnen und Mentoren engagieren, profitieren persönlich von dem Projekt.“ Altersübergreifende Kontakte und Lernprozesse seien nicht nur für den einzelnen lebenswichtig, sie seien auch für die Weiterentwicklung einer solidarischen, lebensfreundlichen Gesellschaft unverzichtbar: „Intergenerationelle Lernprozesse helfen maßgeblich, Vorurteile zwischen jungen und arrivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abzubauen und reduzieren so auch maßgeblich Spannungen und Missverständnisse im Arbeitsalltag.“ Und vielleicht könnte so auch ein entscheidender Schritt gegen die hohe Zahl an vorzeitigen Auflösungen von Lehrverhältnissen (2012: 45%) gesetzt werden. „Denn jeder Abbruch eines Ausbildungsverhältnisses ist ein Abbruch zu viel“, so Höllinger abschließend.

Veröffentlicht in Allgemeine Lehrlingsnews, Magazin Getagged mit: , , ,