„In einer Bewerbung haben Schlampereien nichts verloren“

BFI Wien-Geschäftsführerin Valerie Höllinger und Etikette-Experte Thomas Schäfer-Elmayer im Interview über die Verrohung der Sprache, den ominösen ersten Eindruck und erlernbares Taktgefühl.

Schäfer_Elmayer_Thomas_Höllinger_Valerie_c_BFI Wien_beab_400E-Mails mit „interessanter“ Orthografie, Manager, die als Psychopathen zu klassifizieren sind und mangelndes Taktgefühl: Ethik und Etikette werden in unserer Gesellschaft scheinbar zunehmend zu vernachlässigbaren Größen. Im Zuge des Lehrlings-Crossmentoring will das BFI Wien nun dieser Entwicklung entgegensteuern und bringt Lehrlingen und Ausbildnern mit der Unterstützung von Thomas Schäfer-Elmayer das kleine Einmaleins der Business-Ethik und Etikette näher. Denn Business-Etikette ist keineswegs vernachlässigbarer Luxus. Schäfer-Elmayer: „Ganz im Gegenteil! Unternehmen versuchen eine eigene Kultur und ein Alleinstellungsmerkmal auszuarbeiten. In der heutigen Zeit, und wo so viele auf Etikette verzichten, kann eine sehr gepflegte Korrespondenz eine Chance sein, um sich von der Konkurrenz abzuheben.“ Die Impressionen zu den Workshops finden Sie hier.

Nach einer vielzitierten und 1971 veröffentlichten Studie des amerikanischen Psychologen Professor Albert Mehrabian ist der Inhalt des Gesagten nur zu sieben Prozent für den ersten Eindruck maßgeblich – die restlichen 93 Prozent entfallen auf die Körpersprache, die Kleidung, die Sprache und den Geruch. Bei all diesen Diskussionen stellt sich aber die Frage: Ist der erste Eindruck im Geschäftsleben tatsächlich von so großer Bedeutung?

Thomas Schäfer-Elmayer: Der erste Eindruck ist natürlich sehr wichtig. Er ist aber nicht unbedingt in Stein gemeißelt. Manchmal revidiert man diesen Eindruck, wenn man eine Person näher kennenlernt. Manchmal lässt man ihn gänzlich fallen.

Valerie Höllinger: Jeder von uns hat in einer bestimmten Situation ganz subjektive Erwartungen und interpretiert die Welt auf eigene Weise. Unbewusst machen wir uns also von allem und jedem sofort ein Bild. So haben die meisten Menschen binnen weniger Sekunden ihr Gegenüber in eine Schubladen einsortiert und entschieden, ob der andere kompetent erscheint und sympathisch ist oder nicht – und somit, ob man am Kontakt zu dieser Person interessiert ist.

Schäfer-Elmayer: Von besonderer Bedeutung ist sicherlich die Begrüßung. In dem Moment sind die Menschen sehr empfangsbereit für Sympathie und Antipathie. Und in diesen wenigen Augenblicken entscheidet sich sehr oft, wie das Gesprächsklima sein wird.

Höllinger: Ein gutes Beispiel ist auch das Thema Kleidung: Die Kleidung hilft als Unterscheidungskriterium und bei der Einordnung unseres Gegenübers. Ist die gewählte Kleidung angemessen und passt sie zu Anlass, Situation und Rolle? Die meisten Menschen empfinden unangemessene Kleidung nicht nur als Missachtung eines Anlasses, sondern auch als Missachtung, Provokation oder gar Beleidigung ihrer Person, und das kann Konsequenzen haben.

Thema Etikette und Stil: Selbst in der Geschäftskommunikation ist eine Verrohung der Sprache erkennbar! Keine Anrede, keine Grußfloskel, keine Rücksicht auf Orthographie… Ist Business-Etikette ein vernachlässigbarer Luxus?

Schäfer-Elmayer: Ganz im Gegenteil! Unternehmen versuchen eine eigene Kultur und ein Alleinstellungsmerkmal auszuarbeiten. In der heutigen Zeit, und wo so viele auf Etikette verzichten, kann eine sehr gepflegte Korrespondenz eine Chance sein, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

Höllinger: Schiller und Goethe wird ein Sprachschatz von 80.000 Wörtern nachgesagt – der durchschnittliche Österreicher verwendet heute oft nur wenige hundert – und die bestehen oft aus Gossenausdrücken und modernistischen Wortverstümmelungen. Trotz der rasant steigenden Zahl an Bildungsabschlüssen haben sich die Rechtschreibkenntnisse in den letzten 20 Jahren nicht verbessert. Vor allem in E-Mails sind wir heute daran gewöhnt, dass alles schnell gehen muss. Schnell und kurz darf aber nicht falsch geschrieben bedeuten. Einen mal eben zusammengeschusterten Brief wird niemand abschicken, denn das würde dem eigenen Image schaden. Bei E-Mails sind viele Anwender erstaunlicherweise nicht so sensibel. Was zum Karrierekiller werden kann: Denn eine vor Fehlern strotzende Bewerbung sagt schon sehr viel über den nicht vorhandenen Respekt aus.

Schäfer-Elmayer: Eine Bewerbung ist wie eine Verkaufsanbahnung. Da haben Schlampereien nichts verloren.

Aktuelle Studien besagen, dass eine sehr hohe Zahl von Geschäftsführern und Unternehmern Psychopathen sind: Ist Ethik im Geschäftsleben überbewertet und hinderlich?

Schäfer-Elmayer: Wenn es nur ums Geld geht, kann man ohne Ethik durchaus erfolgreich sein, während die eigenen Mitarbeiter und die Umwelt unglücklich sind. Aber auch ein Psychopath sollte manchmal kurz innehalten und reflektieren, ob es zielführend ist, was er macht. Eine gewisse Überheblichkeit und Arroganz mag zwar das eigene Ego befriedigen, ob es auf Dauer zum Erfolg führt, mag ich aber bezweifeln. Schließlich sind wir alle, mal mehr und mal weniger, von unseren Mitmenschen abhängig.

Höllinger: Dem stimme ich zu: Für den Einzelnen ist Ethik vielleicht nicht überlebensnotwendig. Nachdem wir aber in einem gesellschaftlichen Gefüge leben und agieren sehr wohl. Angesichts der Finanzkrise erinnern renommierte Wirtschaftsforscher an unverzichtbare Grundtugenden wie Vertrauen, Fairness und Gerechtigkeit. Viele haben zum ersten Mal gemerkt, dass der Markt nicht alles richtet. Dieser Eindruck hat sich seit damals offenbar rund um den Globus verbreitet. Die Einführung von ethischen oder Verhaltens-Kodizes in Unternehmen sowie das Schlagwort von ihrer „bürgerschaftlichen Verantwortung“ etwa bei Umweltzerstörung, Kinderarbeit oder ethnischer Diskriminierung wird immer öfter zum Thema. Eine deutliche Mehrheit der Österreicher gibt laut einer SORA-Studie an, Produkte bestimmter Hersteller aufgrund moralischer Bedenken nicht mehr zu kaufen. Für die Unternehmen heißt es nun, schnell auf diesen Gesinnungswandel zu reagieren. Ethische Standards seitens der Führungskräfte werden vom Nice-to- zum Must-have, um nicht potenzielle Kunden zu vergraulen.

Wie kann man Business-Etikette und –Ethik lernen? Welche Basics gilt es vor allem zu beachten?

Schäfer-Elmayer: Am allerwichtigsten ist das Taktgefühl. Wir alle müssen unser Gegenüber schnell einschätzen und uns in die Person hineinversetzen. Das kann man, meiner Meinung nach, lernen: Man muss nur gezielt daran arbeiten, sich für Menschen interessieren, und versuchen die manchmal gut versteckten guten Seiten im Gegenüber sehen. Menschen muss man mögen. Dann ist man auch erfolgreich.

Ist Etikette für jeden erlernbar – auch wenn etwa die Kinderstube nicht so perfekt war?

Schäfer-Elmayer: Was man will, das kann man auch! Ich denke jeder kann erlernen, wie man bei Tisch sitzt, wie man das Besteck hält. Das mag am Anfang etwas steif und ungewohnt wirken. Aber durch Übung und permanente Reflexion kann man es lernen.

Höllinger: Nicht jeder bekommt zu Hause vermittelt, wie man in der Öffentlichkeit seinen Mitmenschen gegenüber auftritt. Das kann aber erlernt und gelehrt werden. Es geht nicht darum, sein Ego zu verbiegen. Vielmehr bedeutet es Rücksichtnahme auf die anderen für ein stressfreies Miteinander. In der Öffentlichkeit sollte es selbstverständlich sein, anderen seine Hilfsbereitschaft anzubieten. Eine freundliche Begrüßung beim Betreten eines Raumes gehört ebenso dazu wie ein „Danke“ oder „Bitte“. Aufgrund der sich ändernden demografischen Struktur gibt es viele Einzelkinder und der Altruismus in der Familie wird nach und nach durch Egozentrismus ersetzt. Hier müssen die Institutionen wie Schule, Arbeitsplatz, etc. neue Rollen in der Vermittlung sozialer Kompetenzen übernehmen und mit gutem Vorbild voran gehen.

Schäfer-Elmayer: Jugendliche sind sich bewusst, dass es im Beruf auf Manieren ankommen kann. Deshalb wollen sie selbst möglichst viel über diese Regeln erfahren. Dieses Allgemeinwissen erleichtert selbstsicheres und natürliches Auftreten.

Veröffentlicht in Interview, Magazin